Katholische Pfarrgemeinde  Dom zum Heiligen Kreuz

Nordhausen

Liturgie - Der Zweite Blick

 

 

Das Evangelium vom 31. Sonntag beinhaltet zwei große Themen, wobei jeweils eines allein schon den Anspruch auf ein abendfüllendes Programm erheben könnte: Gottesliebe und Nächstenliebe!
Doch beide Themenkomplexe sind eng miteinander verbunden. Wer das erkennt und in diesem Verständnis lebt (wie z. B. der fragende Schriftgelehrte), für den gilt: "Du bist nicht fern vom Reich Gottes!



Ich sah dieses Graffito in Heidelberg unter einer Brücke, unter der zahlreichen Schlafsäcke lagen, offensichtlich ein Sommerplatz für Obdachlose.

Ich habe mir überlegt, wie es auf Menschen wirkt, wenn sie als Erstes morgens diesen Hinweis auf die Nächstenliebe sehen. Menschen, denen das Nötigste zum Leben fehlt, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind und auf ihre Solidarität untereinander.
Ich glaube, Nächstenliebe ist für sie etwas Selbstverständliches und zugleich überlebenswichtig.
Nur für sie?

Kann ich Gott leidenschaftlich lieben mit all meiner Vernunft, meinem Denken und mit meinem Fühlen? Oder nehme ich den Mund viel zu voll, wenn ich von der Liebe zu Gott rede oder singe? Die Sprache der Liebe ist ein Grenzfall, man redet überbordend von Unsagbarem. Ich gestehe: Ich will und kann es oft so wenig. Ich will Gott lieben und muss mich doch anstrengen, an ihn zu glauben. Tage gibt es, da fällt es mir leicht, an Gott zu glauben und ein wenig zu lieben. Doch im Herbstnebel und an Tagen voller trauriger Nachrichten und Hiobsbotschaften klingt das Wort von der Gottesliebe schal. Mir fehlt Liebe! Ich werde ihn immer wieder darum bitten.

Bild und Text: Michael Tillmann

Foto: picture alliance/AP Photo|Petros Giannakouris

Bibelwort: Markus 12,28b-34 (Evangelium vom 31. Sonntag im Jahreskreis)

AUSGELEGT!

„Ein Schriftgelehrter ging zu Jesus hin“ – jetzt ist Zoff angesagt. Das war schließlich immer so.

Aber diese Begegnung verläuft total anders. Es ist ein echtes Gespräch, ein Austausch zwischen Menschen, die dasselbe für wichtig halten. Und diese Wertschätzung ist spürbar – auf beiden Seiten.

Was für eine harmlose Bibelstelle, vielleicht sogar ein bisschen langweilig? Jesus ist schon in Jerusalem, das bedeutet: Konflikte, Streit, Hass und Vernichtung. So was ist immer spannend – und gibt diesem Jesus Profil.

Aber in Zeiten von „hate speech“, wo einer dem anderen Schlimmes unterstellt, jede in ihrer Blase bleibt und keiner mehr zuhören und den anderen verstehen will, tut es mir gut, von dieser Begegnung zu hören. Der Sohn Gottes und die Schriftgelehrten – zwei gegnerische Parteien. Aber der Evangelist Markus sieht den Einzelnen, sieht Individuen in der Front gegen Jesus: die Gesprächsbereiten, die Suchenden, die Ehrlichen, die Partner. Die sind nicht weit vom Reich Gottes entfernt, meint Jesus. Sehen wir sie auch – in den Fronten, die sich in unserer Kirche und Gesellschaft aufbauen?

Christina Brunner

 

Quelle: Bergmoser + Höller Verlag AG
Bild im Header: © Herrad von Landsberg / cc0 – gemeinfrei / Quelle: commons.wikimedia.org



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