Liturgie - Der Zweite Blick
Vergebung ist möglich.
Doch Vergebung kann nicht eingefordert werden. Um Vergebung kann ich bitten. Doch manchmal ist die Schuld zu groß, dass es eine Zumutung wäre, um Vergebung zu bitten. Dann kann ich nur Schuld eingestehen. Gutmachen, was vielleicht gutzumachen ist. Und ansonsten hoffen. Bei Gott ist es etwas anders. Das sagt uns das Evangelium. Gott kann ich immer um Vergebung bitten, doch einfordern kann ich sie auch von ihm nicht. Hoffen ja, Vertrauen auch.
Bibelwort: Matthäus 18,21-35 (Evangelium vom 24. Sonntag im Jahreskreis)
AUSGELEGT!
Lässt sich Vergebung aufrechnen nach einer festgelegten Formel? Auch wenn der Einstieg in das Gleichnis diesen Eindruck erwecken könnte – im Verlauf wird deutlich, dass sich Situationen, in denen wir aneinander schuldig werden, selten so klar und konfliktfrei lösen lassen. Siebzigmal siebenmal scheint eher auf eine unermessliche Barmherzigkeit hinzudeuten, die wir im Umgang miteinander manchmal brauchen. Auch wenn das einem strengen Gerechtigkeitsempfinden vielleicht widersprechen mag. Aber was wäre die Alternative? Solange eine Schuld zwischen Menschen steht und ihre destruktive Wirkung entfaltet, sind die Wege zueinander und die erstaunlichen Farben der Liebe oft durch hohe Hürden verstellt. Schlechte Chancen also für Visionen, mit denen erkennbar wird, dass es auch anders gehen könnte. In dem Gleichnis leuchtet eine solche Möglichkeit durch die Freiheit der Vergebung tatsächlich auf. Aber wird diese Erfahrung wirklich in ihrer vollen Dimension begriffen, sodass sie nicht nur auf das eigene Wohl und Interesse beschränkt bleibt? Siebzigmal siebenmal – so unermesslich darf man sich jene Großmut vorstellen, die größere Kreise zieht.
Susanne Brandt
Quelle: Bergmoser + Höller Verlag AG
Foto: Michael Tillmann
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