Katholische Pfarrgemeinde  Dom zum Heiligen Kreuz

Nordhausen

Aktuell - Was ist an Pfingsten?

An Pfingsten geschieht Ostern in den Herzen

Bild: Sankt Salvator Kathedrale, Brügge, Foto: Michael Tillmann *

Ich betrachte Menschen beim Betrachten der Pfingstszene. Mehr Abstand, mehr Distanz geht kaum. Doch kann ich manches lernen vom Betrachten der Betrachter. Da ist die Person im Vordergrund mit dem roten Umhang. Ihre Tasche mit einem Buch hat sie achtlos fallen gelassen. Könnte heißen: Was ich besitze und was ich weiß, das zählt jetzt nicht mehr. Auf die Knie ist sie gesunken, sucht mit den Händen Halt an Säule und Boden. Wer dem Heiligen Geist begegnet, kann ins Schwanken, kann in Bewegung geraten. Einen anderen Aspekt erkenne ich bei dem Mann ganz links. Er dreht sich zu Menschen um, die ich nicht sehen kann – und weist sie auf das Pfingstgeschehen hin. Eine wichtige Aufgabe: Pfingsten braucht Zeugen und Boten, damit das Pfingstfeuer nicht verlöscht. Rechts zwei Personen diffus im Hintergrund, die miteinander reden. Vom Heiligen Geist kann ich nicht schweigen, er verlangt Austausch. Und Anbetung. Dafür steht der linke Mann, der ganz ergriffen ist. Vier unterschiedliche Reaktionen auf Pfingsten. Es gibt viele weitere. Besonders – und das ist schade – da der mittelalterliche Künstler nur an Männer als Betrachter gedacht hat.
Und wie reagiere ich? Es ist nicht ganz nett, auf eine Frage mit einer Frage zu antworten, dennoch: Was wären wir ohne Pfingsten? Eine immer noch gültige Antwort auf diese Frage hat schon im 2. Jahrhundert nach Christus der Kirchenvater Athenagoras von Athen gegeben. Er schreibt: „Ohne den Heiligen Geist ist Gott fern, bleibt Christus in der Vergangenheit, ist das Evangelium ein toter Buchstabe, die Kirche ein bloßer Verein, die Autorität eine Herrschaftsform, die Mission Propaganda, die Liturgie eine Geisterbeschwörung und das christliche Leben eine Sklavenmoral.“ Und deshalb ist Pfingsten für die Kirche und für jeden einzelnen Christen ein Glücksfall. Weil durch den Heiligen Geist Gott uns nahe ist, und Christus uns in Gegenwart und Zukunft begleitet.
Die Jünger auf dem Bild – ein Blick in ihre Gesichter verrät mir das – brauchen diesen Heiligen Geist lebensnotwendig. Sie sind noch – wie es der jüdische Literaturwissenschaftler George Steiner einmal bezeichnete – „Samstagskinder“, die zwischen Karfreitag und Ostersonntag stecken geblieben sind. Ich glaube, wir sind auch oft solche „Samstagskinder“, wenn der Glaube an die Auferstehung Jesu ins Schwanken gerät. Das Pfingstfest ermutigt, nicht zu verzweifeln. An Pfingsten geschieht Ostern in unseren Herzen. Doch ein Zweites ist ebenso wichtig: der Heilige Geist sprengt den Kreis um die Jünger auf. Zuerst sind es die sechs Betrachter, die erfasst werden – und heute wir Christen – damit wir den Glauben leben und von ihm sprechen.

Michael Tillmann

Quelle: Bergmoser + Höller Verlag AG
Bild: Sankt Salvator Kathedrale, Brügge, Foto: Michael Tillmann
Bild im Headerbereich: siehe Seite "Aktuell"

E-Mail
Anruf
Karte
Infos